Freitag, 4. Mai 2012

Praktischer Schafskäse


Das mit der Jugendarbeitslosigkeit ist auch nicht mehr das, was es mal war. Inzwischen liegt sie in der gesamten Eurozone - den offiziellen(!) Zahlen zufolge - bei satten 22,6 Prozent, nähert sich also rapide dem Befund, dass ein Viertel der jungen - unter 25-jährigen - Europäer ohne Arbeit ist. Den Rekord halten die Länder Griechenland und Spanien mit jeweils 51 Prozent, gefolgt von Italien mit 35,9 Prozent arbeitsloser junger Menschen.

In Amerika - wo die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp unter 50 Prozent liegt - wurde gestern ein kluger Blogger (of two minds, Charles Hugh Smith: "Future Economy, Future Stability, Future Careers") von einem besorgten Vater gefragt,
... mit welchem beruflichen Werdegang unsere Kinder überhaupt existenzfähig sein könnten?
sowie, angesichts sich stetig verdüsternder Zukunftaussichten,
... wo sehen Sie Chancen für irgendeine Art beruflicher Entwicklung und Stabilität?
- worauf dem fragenden Vater geraten wurde, seine Kinder zu "grundlegenden praktischen Fähigkeiten" zu erziehen oder sie zum Erlernen solcher Fähigkeiten zu ermuntern. Beispielhaft genannt wurden Fähigkeiten wie das Zähneputzen (nicht nur die eigenen), das Reparieren altersschwacher Fahrzeuge, Anbau und Zubereitung von Gemüse oder das Organisieren von Community-Aktivitäten. Lauter praktische Fähigkeiten also, die das Alltags- und Überleben in harten und noch härter werdenden Zeiten ermöglichen.

Dies las ich mit Interesse und dachte dabei, wie gut, dass du mittlerweile über die grundlegende praktische Fähigkeit verfügst, problemlos Kartoffelsalat für 120 Leute zuzubereiten. Oder wenig Schafskäse auf viel geröstetem altem Weißbrot so anzurichten, dass es aussieht wie viel Schafskäse auf wenig Weißbrot. Oder so.

Apropos Schafskäse:

Schafskäse wächst ja bekanntlich nicht auf Bäumen, sondern wird aus Schafen gewonnen, und die Schafe müssen erstmal gezüchtet, gehütet und gepflegt werden, bevor sie ihre Milch und ihren Käse rausrücken. Deshalb gibt es den Schäfer, dessen Berufsbild so umschrieben wird:
Schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten, aber dafür Jobsicherheit, viel frische Luft und so viel Pecorinokäse zu essen, wie das Herz begehrt.

Traumberuf Schäfer. Für wen? Für immer mehr junge Menschen. Wo? Im Traumland Italien, wo die Jugendarbeitslosigkeit sich der 40-Prozent-Marke nähert und wo
... junge Leute scharenweise Schäfer werden wollen. Zwar ist der Beruf traditionell die Domäne alter Männer, zieht aber seit neuestem 3.000 junge Italiener an.
Deren "naturnahe" Berufswahl verdanke sich dem Umstand, dass
... ihre Berufsziele Arzt, Rechtsanwalt oder Ingenieur vereitelt werden durch Italiens geringfügiges Wirtschaftswachstum, das sich noch verschlechtert hat durch zermürbende Sparprogramme.
Der 25-jährige Davide Bortoluzzi beispielsweise hat einen Abschluss als technischer Gutachter, konnte jedoch keinen Job finden, hütet jetzt in den norditalienischen Dolomiten eine Herde von 400 Schafen und sagt, er sei zufrieden:
"Ich bin zufrieden mit meiner (Berufs)Wahl. Angefangen habe ich, indem ich mich anderen Schäfern anschloss und mich bei ihnen eingearbeitet habe. Leicht war es nicht. Aber ich machte jeden Tag Fortschritte, ohne mich allzu sehr entmutigen zu lassen davon, manchmal in strömendem Regen oder unter brennender Sonne zu arbeiten."
Ebenfalls zufrieden über die jüngste Entwicklung, sprich: die "Verjüngung eines Sektors der italienischen Landwirtschaft", äußerte sich ein Bericht des italienischen Landwirtschaftsverbandes Coldiretti, denn in den meisten Fällen hätten
... die jungen Schäfer die Qualität des produzierten Fleisches, der Wolle und des Käses verbessert.
Auch dies las ich mit Interesse und dachte, na also, alles in Butter. Der Käse reift. Die Milch macht's. Das Frischfleisch bringt's. Für wenig Geld.

Apropos Geld:

Geld wächst ja bekanntlich auch nicht auf den Bäumen, sondern wird...ja, wo kommt eigentlich das Geld her? Vor allem, wenn man keines hat und dringend welches braucht? Böse Zungen behaupten, Geld werde aus Schafen gewonnen. Weil, wenn die Schafe ordentlich gemolken werden, rücken sie die Knete raus, die von den obersten Schafhirten dann verprasst wird. Diesen Vorgang nennen die obersten Schafhirten gern 'Sparprogramm'. Die Schafe finden das (siehe oben) zermürbend, aber das ist den Schafhirten egal.

Inzwischen sind die obersten Schafhirten - also, die tonangebenden Finanzmanager - Europas am Überlegen, wie sie sonst noch an Geld rankommen könnten. Weil sie nämlich inzwischen denken: Jetzt, wo wir so ein tolles Sparprogramm haben, brauchen wir unbedingt noch ein tolles Wachstumsprogramm; nicht etwa, damit die ausgemergelten Schafe besser wachsen und gedeihen - Gott bewahre -, sondern damit das, was die Schafhirten 'Wirtschaft' nennen, besser wachsen und gedeihen kann. Und um Wirtschaftswachstum zu generieren, muss Geld generiert werden. Aber wie? Vielleicht am besten mit einer Gelddruckmaschine?

Während Europas Herrscherkaste darüber debattiert, ob es vernünftig sei, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, indem die Europäische Zentralbank die Gelddruckmaschine ankurbelt, haben einige unternehmerisch denkende Leute im städtisch-ländlichen Nordwesten von Neapel eigenständig die Initiative ergriffen, indem sie stapelweise gefälschte Euros drucken.
Porca miseria! Da behaupte noch einer, die eurotechnokratischen Schafhirten hätten keine Leitbildfunktion! Von wegen.


Während die Euro-Schafhirten noch am Debattieren sind, sind die süditalienischen Schafe - Herdenzentrum: Giugliano bei Neapel - bereits am Drucken. Nicht am Drucksen, sondern am Drucken, nicht am Kleckern, sondern am Klotzen, denn mehr als die Hälfte aller im Umlauf befindlichen gefälschten Eurobanknoten kommen aus jenem gesegneten Landstrich nordwestlich von Neapel. Es handelt sich um professionell generiertes Falschgeld allerfeinster Qualität, vor dem sogar die zuständige Polizeibehörde den Hut zieht:
"In Italien gibt es von altersher eine großartige, majestätische Traditon: Von hier kommt Falschgeld in allerbester Qualität," sagt Col. Alessandr Gentili, Leiter der italienischen Anti-Falschgeld-Währungs-Polizeieinheit in Rom. "Giugliano ist immer noch die Metropole. Dort gibt es die besten Profis."
Mit "Metropole" ist natürlich die Falschgeld-Finanzmetropole Giugliano gemeint, der Polizeichef Gentili seinen Respekt bezeugt. Und er fährt fort, dass die majestätische Tradition des Gelddruckens - ähnlich der Tradition des Winzertums, der Töpferkunst und anderer "schöner Künste" (unzweifelhaft eine Anspielung auf die Kunst der Schafskäseherstellung), für die Italien berühmt sei - traditionellerweise von den Vätern an die Söhne weitergegeben werde.

Figlio mio! In Giugliano sind es die Väter, die ihre Söhne zu grundlegenden praktischen Fähigkeiten wie der des Gelddruckens erziehen! Solche Väter bedürfen selbstverständlich keiner externen Berufsberatung für ihre Söhne.


Leider konnte ich keine regionalen Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit im Nordwesten Neapels ausfindig machen, möchte aber fast wetten, dass sie um einiges unter 35,9 Prozent liegt. Wobei übrigens auch die italienischen Falschgeldproduzenten alle mal klein angefangen haben, nämlich mit popeligen home-office-Tintenstrahldruckern, bevor sie ihre praktischen Fähigkeiten mit ausgereiftem technologischem Knowhow zur lukrativen Handwerkskunst professionalisierten.

All dies las ich mit großem Interesse und muss zugeben, dass ich dabei längere Zeit gedankenverloren auf meinen ollen Tintenstrahldrucker starrte; eine Art meditativer Versenkung, die mich womöglich aus alten, festgefahrenen Denkmustern befreien und mir neue, traumhafte Karrierewege erschließen wird. Einstweilen bin ich noch am Schafezählen, spüre aber, wie sich mein rechter Daumen - wenn auch nur fiktiv - zu emanzipieren beginnt.


Kommentare:

  1. Presseurope: Job mit Zukunft
    Das Portal 'Presseurope' trägt Nachrichten aus allen europäischen Zeitungen zusammen und liefert die Artikel in einigen Übersetzungen. Geplant ist übrigens, daß auch Kommentare übersetzt werden.

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