Samstag, 30. November 2013

Japanische Peinlichkeiten


Wer weiß - womöglich gehört das Verbreiten solcher Nachrichten bald der Vergangenheit an. Weil nämlich das Verbreiten solcher und ähnlicher "nuclear-related" Nachrichten gerade vom japanischen Parlament per Gesetz kriminalisiert wird (via Washingtons's Blog):
Justizminister Masako Muri erklärte, nuclear-related Informationen seien künftig höchstwahrscheinlich als Verschlusssache einzustufen.
Warum? Zu gefährlich. Oder besser: zu "peinlich". Also, das Verbreiten solcher Informationen, nicht etwa das, worüber informiert wird:
"... um sicherzustellen, dass das Nukleardesaster in Fukushima keinen Anlass mehr bietet für Peinlichkeiten im Vorfeld der Olympischen Spiele."
Und deshalb muss ein neues Geheimhaltungsgesetz her.
Für die Regierung Abe wäre dies ein phantastischer Weg, das Problem der Tonnen verstrahlten Wassers in den Griff zu bekommen, die aus dem Fukushima Daichi Nuclear Power Plant seit der dreifachen Kernschmelze im März 2011 austreten. Zwar ist offenbar kein Ende in Sicht, wie das Austreten des giftigen Abfalls zu verhindern ist, aber die neue Gesetzgebung würde es der Regierung erlauben, das Austreten von Informationen zu verhindern.
- und, bei Zuwiderhandlung, mit bis zu zehn Jahren Gefängnis zu bestrafen.

Wenn schon die Löcher in den Reaktoren nicht zu stopfen sind, dann muss den Überbringern der schlechten Nachrichten das Maul gestopft werden. Dass dieser Vorgang ganz wörtlich zu verstehen ist, machten die Sicherheitskräfte im japanischen Parlament unmissverständlich klar. Dort bot der demnächst zu verhängende Maulkorb einigen Anlass zu Peinlichkeiten -
Ein Bürger wurde gewaltsam von der Zuschauertribüne des Parlaments, von wo aus er die Debatte des State Secrecy Protection Law im Unterhaus verfolgt hatte, entfernt, als er seinen Widerspruch zu dem Gesetz laut artikuliert hatte. Sein Mund wurde mit Tüchern zugestopft, um ihn an weiteren Ausrufen zu hindern, während er von einigen Sicherheitsbeamten gegen seinen Willen abgeführt wurde.

Tokyo Shinbun/twitter via exskf.blog

- Peinlichkeiten, die allerdings von den übrigen Zuschauern auf der Tribüne geflissentlich ignoriert wurden. Der Sitznachbar des Mannes, dem das Maul gewaltsam gestopft wurde, entzieht sich der Peinlichkeit des Zuschauens durch Wegschauen, genau in die andere Richtung.

Wegschauen war auch die Devise eines Abgeordneten, der es vorzog, seine Emails zu checken, um sich den peinlichen Anblick eines geknebelten, abgeführten Mitbürgers zu ersparen. Mir wiederum fehlen die Worte um auszudrücken, wie peinlich mir das Verhalten der wegschauenden Anwesenden ist.

Noch gibt es in Japan ungestopfte Mäuler. Hier ist ein lohnendes Video einer Pressekonferenz, wo der japanische Schauspieler und Anti-Atomkraft-Aktivist Taro Yamamoto seine kritischen Einschätzungen der aktuellen politischen Lage in Japan abgibt, ungeschminkt und ohne Maulkorb. Besonders augenöffnend sind die letzten zwei bis drei Minuten (auf japanisch, es wird alles präzise und gut verständlich ins Englische übersetzt, allerdings nicht simultan, sondern zeitversetzt, also geduldig sein!):


"Der Weg, den Japan beschreitet, ist die Neuschöpfung des faschistischen Staates."
Noch kann ein Yamamoto sich solche öffentlichen Statements erlauben, ohne drastisch bestraft zu werden. Die Frage ist, wie lange noch. Schließlich rückt Olympia (2020) näher und "im Vorfeld" der Zeitpunkt, wo sich die japanische Regierung derartige Peinlichkeiten nicht mehr bieten lassen wird.
Es scheint, das Land der aufgehenden Sonne bewegt sich auf finstere Zeiten zu.
Dunkle, mehr als nur peinliche Erinnerungen werden wach. Wer weiß - womöglich wird es rechtzeitig zu den Spielen Lager geben für Leute, die den Mund nicht halten können. Und Speziallager für solche, die den Mund nicht halten wollen.

Kommentare:

  1. Eine eigene Meinung zu haben, wird in Spanien demnächst 30.000 Euro kosten. (El País)

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    1. Das ist mir bekannt. Mehr gibt es zu dem, was ich über Japan schreibe, nicht zu sagen?

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  2. On topic wäre, dass mir speiübel bei solchen Meldungen wird. Andererseits überrascht mich nichts mehr in einer Welt, in der mir alles seitenverkehrt vorkommt.
    Die Entscheider und Bringer von Tod, Siechtum und Scheisse sitzen auf fetten Posten, von denen aus Gesetze gemacht werden, die einzig und allein das Kapital stützen und schützen, während die Verkünder von Leben und Wahrheit auf jede erdenkliche Weise eingeschüchtert, als "Gutmenschen" diffamiert, eingeknastet oder gleich ganz eingemacht werden.

    Was ich zu diesem Artikel und dem über die Zwangsarbeiter in Fukushima (oder die verheizten Feuerwehrmänner, Soldaten und Freiwilligen damals in Tschernobyl) denke?
    Ich denke, dass die Zeit mit Blümchen und Tanzeinlagen auf Demos zu gehen, sich ihrem Ende neigen sollte.
    Ich denke, man sollte - um beim Artikel zu bleiben - alle Tepco-Manager mitsamt der Regierungsbank und aller Helfershelfer in die Reste der Reaktorblöcke treiben und dort verrecken lassen.
    Je elendiger, desto besser.
    Und ich denke, dass man dieses Prinzip in anderen Ländern auch anwenden sollte.

    Dann aber denke ich, dass man das doch nicht einfach machen kann, dass es inhuman sei und jemand empathischem wie mir - der ich mich zusätzlich noch für intelligent und sogar eiun wenig gebildet halte - doch klar sein müsste, dass es niemals um die auf moralischen Kriterien basierende Anklage gehen kann, sondern dass man den rechtlichen Weg beschreiten muß, um dem Treiben dieser Unmenschen Einhalt zu gebieten. Selbst die Todesstrafe ist mir ja ein Greuel.

    Das Problem, das ich aber an der Stelle schon lange habe, ist die Einsicht, dass ständig die Sprache verbogen wird, um das schon lange ungesetzliche Treiben den schönklingenden Gesetzen anzupassen.
    Ich sage mir, dass diese das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden und ich mir deshalb immer weniger Sorgen um meine zugegeben destruktiven Gedanken und Gefühle mache.

    Jetzt sitze ich also vor meiner 12 Jahre alten 9,90 DM-cherry-Tastatur und beantworte eine Frage über einen Aspekt, über ein Symptom, dass sich meiner Ansicht nach nur zufällig an einem entfernten Ort und nicht vor meiner Haustür manifestiert, während nur wenige Kilometer von mir im größten Militärgefängnis Europas Gefangene wie in Guantánamo behandelt werden, was wir in der Stadt schon lange wissen. Zumindest die, die es wissen wollen.
    Btw.: Zwei AKWe gibt es auch in der Nähe. Bei einem sind vor 3 oder 4 Jahren 250.000 Liter Kühlflüssigkeit ausgelaufen und das Teil war 40 Minuten vor dem GAU.
    Die Unterlagen über diesen und zwei weitere schwere Störfälle sind trotz bestätigendem Gerichtsurteil meines Wissens nach bis heute nicht von der Landesregierung an Greenpeace herausgegeben worden.

    Meine über die Jahre gewachsene Abneigung gegen das ganze "Mensch knechtet Mensch"-Spiel lässt mich resignieren ob der Gleichgültigkeit der meisten meiner Bekannten. An dieser Stelle geht es mir wahrscheinlich wie old flatter: Je mehr ich weiß, je engmaschiger ich ein Netz der Systematik über den schrecklichen Details zu zeichnen in der Lage bin, desto höher sind meine Erwartungen an mich selbst und an meine Mitmenschen.
    Diese sind aber anderen Entwicklungen unterworfen und nehmen höchstens meine Verärgerung ("grumpy R@iner") und vielleicht auch meine Verzweiflung manche Themen betreffend wahr.
    Naja, und dann sitze ich hier und überlege, ob ich nicht das Lesen dieser Dinge um meiner eigenen Gesundheit willen einschränken sollte. Das würde nicht mein Gerechtigkeitsempfinden behindern, mich aber möglicherweise vom Ballast der Nachrichten befreien.
    Ich hoffe nur, dass wir eines Tages nicht dastehen und sagen müssen, "Hey, wir haben das alles vorausgesehen, konnten aber nichts dagegen tun", denn so hätte ich lieber nichts von alldem gewußt.

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    1. @R@iner

      Überdosis feynsinn.org? ... oder pfeift nur der hundsgewöhnliche Mistral durchs Rhonetal?

      Ob's hilft ...
      Playing For Change

      ... keine Ahnung, aber bei diesem treffsichern Nachwuchs besteht noch Hoffnung!

      @Mrs. Mop
      Eh ich jetzt auch noch eins überkrieg ... ;~)

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    2. Nee, so einfach ist dann doch nicht. Zudem fände ich es einsilbig auf jede salopp dahingeworfene Frage zu antworten.
      Bin doch nicht der Hausdackel. :-)

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    3. @Mitzerl

      Sehr animierende Mucke (Video), danke.

      Und das brasilianische Black-Block-MännekenPiss - ha! Perfekt! Genau die richtige Zielgruppe im, öh, wie sagt man, Visier? :))

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  3. p.s.: Demnächst werden die Atomraketen in diesem Land gegen neuere ausgetauscht. Meine erste Demo war ein Ostermarsch Anno 82 eine gegen Atomraketen und ein naheliegendes Giftgaslager der "Amis".
    Wird es Demos geben?
    Heute bin ich in twitter dem tag #ps4 ein wenig gefolgt und habe mir verlinkte Videos angeschaut, in denen sich die Leute in D-land und Österreich fast zu Tode trampelten, um so 'ne Spielekiste zu ergattern, für die es noch gar keine Spiele gibt. Bester Preis auf ebay: 1078 Euro.
    Worüber rege ich mich eigentlich auf?

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    1. „Worüber rege ich mich eigentlich auf?“

      Verstehe ich auch nicht. Man kann sich den Frust via Internet bzw. Twitter auch systematisch reinziehen. Alles eine Frage Deiner Entscheidung. Außerdem empfinde ich Attacken von links auf den Konsumismus der Prolls als leicht elitär, weil ihnen immer so etwas Bevormundendes, Verächtliches innewohnt.

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  4. @R@iner

    Mir ist nicht ganz klar, wen du mit dem von Dir gewählten Stilmittel der pastoralen Wucht adressierst, jedenfalls (nur als Beispiel) -

    „Ich denke, dass die Zeit mit Blümchen und Tanzeinlagen auf Demos zu gehen, sich ihrem Ende neigen sollte.“

    - jemanden wie mich ganz bestimmt nicht, die das von militanten Auerhähnen patentierte Straßenkampftraining mit Bestnote absolviert und noch einiges mehr an widerständiger Praxis auf den Straßen der hiesigen Finanzmetropole gelernt hat, und übrigens: nie auslernt. Weshalb mir die Kanzel als Aufenthaltsort und die von-oben-nach-unten-Gardinenpredigt mehr als fremd ist. Und von unten nach oben gucke ich schon mal gar nicht gern.

    Ähnlich fremd sind mir Befindlichkeitsklagen dieser Art:

    „... resignieren ob der Gleichgültigkeit der meisten meiner Bekannten.“

    Hm. Man sucht sich ja in der Regel seinen Bekanntenkreis selber raus. Vielleicht Zeit, sich mal nach neuen Bekannten umzugucken? Statt mit unermüdlicher, ja wachsender Begeisterung ob der Gleichgültigkeit der alten Bekannten zu resignieren?

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    1. Ich verstehe was Du sagst und habe inhaltlich ähnliche Antworten wohl auch schon gegeben.
      Danke für deine Tipps.

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