Donnerstag, 20. Juni 2013

Tränen des Zorns


Vergangenen Sonntag 
flüchtete ein kleines türkisches Mädchen 
vor dem Tränengasbeschuss in ein Burger King Restaurant:

"Der Frühling kommt wieder, das verspreche ich dir!"

Was für ein intensiver Blick.
Wer sich solche Feinde heranzüchtet,
Herr Erdogan,
der hat nichts zu lachen.
Die Kleine meint es ernst.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Demokratie muss weg


Also, ich finde es immer sehr erleichternd, wenn irgendwo Klartext gesprochen wird, so richtig ungeschminkt und ohne Maulkorb. So, dass man auf Anhieb weiß, wo man dran ist. So, dass wenig Raum bleibt für endloses Hin-und-her-Interpretieren und ewiges Herumdeuteln, wie dies oder jenes wohl gemeint war, und warum jenes oder dies so gesagt wurde, obwohl es doch ganz anders gemeint war, und ob es sich nicht eventuell um ein Missverständnis handeln könnte und überhaupt.

Doch, ich mag das richtig gern, wenn einer ohne Umschweife zur Sache kommt und freiheraus sagt, was Sache ist. Befreiend finde ich das, irgendwie. Nachgerade entlastend. Weil es mich von all den Grübeleien entlastet, ob ich jetzt spinne oder ob der spinnt oder die spinnt oder ob alle spinnen oder welcher sprachkünstlerisch wertvolle PR-Spin jetzt gerade wieder gedrechselt wird, nur um mir das Gefühl zu geben, dass ich spinne.

Nur, wer tut mir heutzutage noch diesen Gefallen? Irgendein Politiker? Mir fällt keiner ein. Geht ja auch gar nicht. Weil - wie heißt es immer? - Politiker seien ja derart eingebunden in Sachzwänge und Interessensvertretungen und wahlkampftaktische Winkelzüge, dass von dieser Seite kein kommunikativer Befreiungsschlag zu erwarten ist. Von welcher Seite dann?


Von der richtigen Seite natürlich. Von jener Seite, die visionär in die Zukunft schaut, die plant und lenkt, die weiß, wie alles zu laufen hat, damit alles so nach Plan läuft, wie es laufen soll und nichts aus dem Ruder läuft. Die sich auf einem guten Weg sieht, lägen dort nicht noch ein paar Stolpersteine herum, welche jedoch, da ist man sich sicher, von der richtigen Seite mit den richtigen Maßnahmen effizient aus dem Weg geräumt werden können.

Ein finanzkapitalistischer Global Player packt endlich aus. Nennt die Dinge beherzt beim Namen. So frank und frei, so unverblümt unmissverständlich, dass keine Fragen offen bleiben. Es ist nämlich so:

Demokratische Verfassungen, die irgendwann einmal entworfen wurden, um einem Wiederaufleben des Faschismus entgegenzuwirken, stehen dem Großbauprojekt der austeritären Komplettsanierung hinderlich im Weg. Müssen weg. Her mit der Abrissbirne.
Noch hat die politische Reform kaum begonnen.
Zu Anfang der Krise wurde allgemein davon ausgegangen, dass nationale Altlastenprobleme ökonomischer Natur seien. Jedoch wurde mit zunehmender Entfaltung der Krise offensichtlich, dass es in der Peripherie (i.e. den europäischen Krisenländern) tief verwurzelte Probleme gibt, die aus unserer Sicht abgeschafft gehören, wenn die EMU (European Monetary Union) langfristig ordentlich funktionieren soll. Die politischen System der Peripherie wurden in einer Zeit beendigter Diktaturen etabliert und waren von dieser Erfahrung (der diktatorischen Regimes) definiert. Verfassungen tendierten dazu, unter starkem sozialdemokratischen Einfluss zu stehen, was die politische Stärke reflektierte, die linksgerichtete Parteien nach dem Sieg über den Faschismus gewannen. Politische Systeme in der Peripherie tragen typischerweise die folgenden Merkmale: schwache Führungskräfte; schwache Zentralregierungen im Verhältnis zu den Regionen; verfassungsmäßig geschützte Arbeitsrechte; auf Konsens gestützte Systeme, die politischen Klientilismus begünstigen; sowie das Recht auf Protest, falls am politischen Status quo unwillkommene Veränderungen vorgenommen werden.
Habe ich zu viel versprochen? Banker-Mund (in dem Fall J.P. Morgan) tut Wahrheit kund. All das in Verfassungen niedergelegte demokratische Kleingerümpel im Interesse der Bevölkerung - also des zu vernachlässigenden Pöbels - gehört zügig entrümpelt. Wie, es gibt ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Protest, gar auf Widerstand? Muss weg. Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Ganz offen. Und ganz unmissverständlich. Damit es auch alle verstehen.

Habe ich das jetzt richtig verstanden? Schon, oder? War schließlich unmissverständlicher Klartext: Verfassungen, die geschaffen wurden, um ein Wiederaufleben des Faschismus zu verhindern, gelten dem Finanzkapital als irgendwie veraltet, unzeitgemäß, nicht in sein modernes stromlinienförmiges Schema passend, hinderlich, überflüssig. Alles alte Zöpfe, alle abschneiden, und zwar zügig, bitte. Denn alles, was diese steinzeitlichen Relikte aus post-faschistischen Epochen darstellen, sind Hindernisse, sind Stolpersteine, sind Reibungsverluste, sind lästig auf dem Weg in den - tja, wie nennt man das jetzt? - Faschismus. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Sonntag, 16. Juni 2013

Sonntagsrätsel


Sonntagabend
erquickend und labend.
Wir machen ein Quiz:
Wer erkennt den Beschiss?

Alles Terroristen


Ankara und Istanbul 
in der Nacht vom 15. zum 16. Juni 2013:

Alles Terroristen. 

Alles Terroristen.

Alles Terroristen.

Alles Terroristen.

Alles Terroristen.
"Jeder, der sich zum Gezi-Park begibt, wird als Terrorist behandelt werden."
Der EU-Minister Egemen Bagis während eines Fernsehauftritts 
in der Nacht vom 15. zum 16. Juni 2013. 

Eines der letzten Bilder, 
aufgenommen im Morgengrauen des 16. Juni 
im Istanbuler Stadtteil Mecidiyekoy:

Es heißt, die türkische Polizei leide zunehmend 
unter einem Burnout-Syndrom. 
Das Militär steht bereit.

Quellen:
Occupied Taksim
gezipark.nadir (in deutscher Sprache)
Zeynep Tufekci twitter

Samstag, 15. Juni 2013

Volkszertreter


In diesem kurzen Video ist zu sehen, wie ein 26-jähriger junger Mann erschossen wird. Der Täter, ein Polizist, verlässt mit der Waffe in der Hand fluchtartig den Tatort:



Ethem Sarisuluk hatte an den Demonstrationen in Ankara teilgenommen. Am 1. Juni traf ihn aus nächster Nähe ein Schuss in den Kopf. Der Hirntod trat ein. Heute hat sein Herz aufgehört zu schlagen.

Ebenfalls heute hat der Bürgermeister von Ankara, Melih Gokcek, das Aufhängen eines Transparentes angeordnet. Es hängt jetzt im Guven-Park, dort, wo Ethem erschossen wurde. Auf dem Transparent ist zu lesen:

"Unsere hochgeschätzte türkische Polizei 
Ankara ist stolz auf euch
Melih Gokcek"

Ethem Sarisuluk

Update:
Video-Aufruf zur Beerdigung von Ethem Sarisuluk, unterlegt mit dem Soundtrack seiner Tötung im Guven-Park, Ankara:



Freitag, 14. Juni 2013

Frauenpower auf türkisch



Mütter, passt gut auf eure Söhne auf. Auf eure Töchter sowieso. Am besten lasst ihr sie gar nicht mehr auf die Straße. Was denen dort alles zustoßen könnte! Bei all der Gewalttätigkeit, den Ausschreitungen, der Randale! Passt gut auf eure Kinder auf, Mütter. Holt sie zu euch nach Hause. Hausarrest, habt ihr das verstanden? 

Vor zwei Tagen warnte der Gouverneur von Istanbul eindringlich alle Eltern, "ihre Kinder zu sich nach Hause zu holen". Wieso das? Weil es auf den Straßen und in den öffentlichen Parks viel zu gefährlich sei für die Heranwachsenden: "Dort ist ihr Leben bedroht." Im gleichen Atemzug versicherte der Politiker, es werde keinerlei Polizeieinsatz auf dem Taksim-Platz geben, sodass zunächst nicht ganz deutlich wurde, aus welchem Grund der fürsorgliche Gouverneur meinte an die Fürsorgepflicht der Eltern appellieren zu müssen.

Es wurde jedoch ganz schnell deutlich: Am darauffolgenden Morgen stürmte die Polizei den Taksim-Platz sowie den Gezi-Park mit Wasserwerfern und Tränengasbomben. Die Kinder? Waren nicht zuhause geblieben. Waren lieber auf dem Platz und im Park. Die Mütter? Waren nicht zuhause geblieben, sondern beschlossen, an Ort und Stelle auf ihre Kinder aufzupassen. Rund um den Gezi-Park bildeten die Frauen eine Menschenkette, um ihre demonstrierenden Kinder zu schützen, deren Leben von Polizeigewalt (Danke, Mitzerl!) bedroht war.

Gesungen haben die fürsorglichen Mütter natürlich auch:

"Seite an Seite gegen Faschismus!"


"Hände weg von unseren Kindern!"


"Abdullah Cömert ist unser Kind!"
(Abdullah starb an den Folgen eines Kopfschusses
 durch einen Polizisten während eines Einsatzes in Hatay)

Respekt.

Wobei die türkischen Mütter bestimmt noch einiges lernen können
von den türkischen Großmüttern:

Montag, 10. Juni 2013

Spuren des Widerstands


Bilder aus Istanbul 

"Freedom"


"Lasst die Leute doch Pfefferspray essen."
Recep Tayyip (Erdogan) Antoinette 


"Wir sind stolz auf unsere revolutionären Rechtsanwälte."
Zu Ehren der Anwälte, 
die verhaftete Demonstranten 
kostenlos vertreten haben.

Fotografiert von der türkisch-amerikanischen Künstlerin 
Mirgun Akyavas